Eine Frau, die sich selbst umarmt und mit geschlossenen Augen nach oben sieht. (Quelle: IMAGO | Westend61)
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Kommentar - Eure Achtsamkeit kotzt mich an!

Vielleicht scrollt ihr oft durch euren Instagram-Feed und entdeckt dort den ein oder anderen Achtsamkeits-Post, der Mut machen soll zu entschleunigen, durchzuatmen und euch daran erinnert, an eurer mentalen Gesundheit zu arbeiten? FritzRedakteur Manuel Biallas aber empfindet Achtsamkeit immer mehr als faule Ausrede. Dieser Instagram-Self-Care-Modus regt ihn ziemlich auf. Hier hört ihr seine persönliche Meinung.

"Achte auf dich!" als Entschuldigung

Immer wieder lese ich auf Instagram: Achte auf deine Bedürfnisse. Schenke dir selbst Liebe. Sei dir selbst am nächsten, am wichtigsten. Das finde ich ganz schön toxisch. Manchmal bin ich auch "verstimmt", und "fühle" mich einfach nicht danach, meinem besten Freund das Sofa in den dritten Stock zu tragen. Ganz schön belastend - und trotzdem helfe ich ihm. Ständig die eigenen Gefühle als Excuse zu nutzen, ist nicht achtsam, sondern scheiße. Und nebenbei ziemlich narzisstisch.

In meinem Insta-Feed wird mir regelrecht aufgedrückt, ich verliere meinen Selbstwert, wenn ich nicht ständig meine Gefühle als oberste Priorität sehe. So self-care-mäßig! Selbsternannte Psycholog:innen posten, dass ich mir selbst am nächsten sein sollte - für ein erfülltes Leben.

Kompromisse eingehen statt Egoismus

Wer sich selbst am nächsten ist, wird irgendwann ganz schön einsam und unsozial. Geht es nicht darum, Kompromisse einzugehen? Für ein erfülltes Leben. Wer seine Freundin betrügt, weil er "das Bedürfnis hatte". Wer nicht beim Umzug hilft, weil er sich "nicht danach fühlt". Wer ständig zu spät kommt, weil er "Zeit für sich selbst braucht" - der ist nicht achtsam, sondern respektlos.

Zähne zusammen beißen und unliebsame Dinge erledigen - das gehört zum Leben! Versteht mich nicht falsch: Ja, auf die eigenen Bedürfnisse zu hören, ist wichtig. Ja, sich selbst nah zu sein, ist wichtig. Ja, Selbstliebe ist wichtig. Aber egoistisch durchs Leben laufen und nur auf sich selbst achten, das ist toxisch und kotzt mich an!

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7 Kommentare

  1. 7.

    Ich empfehle der Autorin das Buch „Achtsam Morden“ von Karsten Dusse. Das passt herrlich dazu, lange nicht so gelacht.
    Viele Grüße an alle

  2. 6.

    @Michèle: Ich weiß nicht, an welcher Stelle in diesem Kommentar das Wort Nazist vorkam - ich habe es jedenfalls nicht gehört. Ein Wort das ähnlich klingt, aber eine ganz andere Bedeutung hat ist (der) Narzisst. Also nicht gleich die ganz große Keule rausholen...

  3. 5.

    Hab den Kommentar vorhin im Radio gehört - und was soll ich sagen... : trifftvoll zu und dem ist nichts hinzuzufügen.

  4. 4.

    Hallo so allgemein über das Wort Achtsamkeit zu schreiben unter aller sau
    Einfach auch mal außerhalb von insta und Co darüber informieren und nicht ohne Hintergrund wissen , Wörter wie toxisch oder nazistisch benutzen. Den etwas Nazist steckt in jeden von uns es kommt immer drauf an was man daraus macht .

  5. 3.

    Ich finde den Kommentar leider viel zu überspitzt dargestellt. Wörter wie toxisch und narzisstisch haben eine sehr starke Bedeutung und sind in diesem Kontext viel zu überspitzt. Respektlos und unsozial ist hier zutreffend. Für meinen Teil sehe ich die Bewegung generell als gut an, wer es jedoch so maßlos umsetzt wie in dem Kommentar beschrieben, hat das Thema Achtsamkeit nicht verstanden. Berechtigte Kritik, nur leider zu überspitzt dargestellt.

  6. 2.

    Achtsamkeit bedeutet für mich Gewahrsein, im Hier und jetzt mit der Aufmerksamkeit zu sein und dazu gehört, seine eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und je nach Möglichkeit darauf einzugehen. Achtsamkeit ist Bewusstheit und Akzeptanz der Anforderungen und Probleme, die im Moment herrschen und sich damit auseinander zu setzen, anstelle viele Gedanken auf die Vergangenheit und die Zukunft zu richten.
    Was nervt, sind Ignoranz und spirituelle Abgewandtheit.

  7. 1.

    Habe so eben den Kommentar live gehört. Treffend formuliert. Sehe ich genauso. Zum K..