Die Poetry Slammerin Julia Engelmann steht ganz in Schwarz auf einer Bühne. Um sie herum ist viel Konfetti (Foto: imago|Future Image)
Bild: imago|Future Image

- "Keine Ahnung, ob das Liebe ist"

Emotionales von Julia Engelmann

Fritz meint:

Es gibt Dinge im Buchladen, die zentimeterdicke Staubschichten provozieren. Ein Kalender mit schlauen "Carpe diem"-Sprüchen oder ein Gedichtband von Eurer Mutter zum Beispiel. Wenn auf dem Gedichtband aber Poetry drauf steht und es dann noch von Julia Engelmann kommt, dann ist ziemlich wahrscheinlich, dass das Buch aber ein Bestseller wird. Anneli Rienecker hat gecheckt, ob es sich lohnt, ihren neuen Buchband zu lesen.

Ganz viel Liebe

26 Texte. Poetry. Und sie alle passen irgendwie zum Titel "Keine Ahnung, ob das Liebe ist". Mal geht es um die Liebe zu einem Partner, der einen glücklich macht, mal um Liebe, die gar keine mehr ist (man hat sich offenkundig auseinander gelebt), mal die Liebe zur Mutter, zur besten Freundin, zur Ex-BFF, zum Vater, ja sogar die Liebe zum Sonntagmorgen.  

"Ich wache vor dem Wecker auf,
erinnere meinen letzten Traum.
Der Brötchenduft vom Bäcker
klettert lässig zu dem Fenster rauf.
Es gibt Rührei und Müsli
und Grapefruit zum Frühstück,
es singen Velvet Underground,
ich fühle mich gemütlich."

Ziemlich kitschig

Fast schon ekelhaft glücklich. Man möchte nur noch eine Honigbiene oben draufsetzen. Everything is so lovely! In manchen Texten wird einem die heile Welt so fingerdick aufs Brot geschmiert, dass man laut schreien will. Und dann, kommt es im nächsten Text doch ganz anders:

"Du hast mir jeden Zentimeter deiner Welt und Zeit versprochen
und als ich nicht hingesehen hab,
heimlich deinen Eid gebrochen.
Wir lebten aus gepackten Koffern,
du aus deinem, ich aus meinem.
Hast du dich nie gefragt, warum wir uns nie einen teilen?"

Emotionale Texte

Manche Texte sind tiefsinnig, sind thematisch alles andere als so lovely. Sie tun weh. Insbesondere dann, wenn man die Gefühle und Situationen selbst kennt. Trennungen oder die tiefe Liebe zu den Eltern, denen man nicht oft genug danke sagt. Die gehen unter die Haut, haben so feine Metaphern, dass man sich fast eine Träne wegdrückt.

Andere lassen einen die Stirn runzeln und man fragt sich wie im Deutsch-Unterricht: Was will mir der Autor damit sagen? Aber vielleicht ist es genau das, was das Buch so interessant macht. Das sie für jeden was im Gepäck hat. Egal welches Gemüt, welche Situation. Egal ob lange oder kurze Texte – alles dabei!

Ein Problem bleibt: Poesie nur aufzuschreiben, noch dazu als Frau, die ja gerade wegen der Art des Vortrages von Poetry beliebt ist – schwierig. Hin und wieder sucht man den Reim, versucht ins Gedicht zu tauchen, beim ersten Lesen so richtig zu betonen, dass es unter die Haut geht. Das geht oft schief und gedanklich ist man raus. Wenn's aber klappt, dann berührt es einen. Um sicherzugehen, dass das mit allen Texten klappt, lieber auf das Hörbuch zurückgreifen. Nur, dass man da auf selbstgezeichnete Illustrationen von Julia Engelmann verzichten müsste.

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