Julian hat Pickel, Narben, Dellen (Quelle: Fritz)
Bild: Fritz

Kampf gewonnen - Pickel, Narben, Dellen - ich lieb's! Julian hat gelernt seine Akne zu akzeptieren.

Meine Akne war wie die Schlacht von Changping 260 vor Christus, in der 100.000 Soldaten starben und 400.000 lebendig begraben wurden, bis auf 240 Jugendliche. Das ist ein vollkommen überzogener und maßloser Vergleich, aber meine Akne war vollkommen überzogen und maßlos.

Die Pickel in meinem Gesicht waren solch enorme Monolithen, dass ich sie auch gar nicht zu überschminken brauchte. Das war völlig sinnlos. Die paar mal, in denen ich versuchte sie zu überschminken, sahen sie aus wie der von Cristo verkleidete Reichstag. Niemand dachte: Huch, der Reichstag ist ja weg! Zauberei! Jeder dachte: Ah, da ist dieses monumentale, wuchtige, kriegsversehrte Bauwerk und irgendwer hat da was Lächerliches drüber gelegt. Da schauen wir jetzt mal alle drauf.

Aber ich hatte Glück, ich wurde immerhin nicht gemobbt. Vielleicht weil alle Teenager wissen, wie doof so ein Pickel auf der Stirn ist. Und wenn sie die verheerenden Einschlagkrater in meinem Gesicht gesehen haben, haben sie sich gedacht: "Lass ihn! Lass ihn! Er hat schon. Er hat schon." Vielleicht aber auch, weil meine Mitschüler einfach nett waren. Obwohl, eigentlich waren wir wirklich nicht nett. Humor, der nicht auf Kosten anderer ging, war eine Kulturtechnik, die uns unbekannt war.

Gut, einmal hat jemand mich ein Mädchen gefragt, ob ich mit den Löchern in meiner Wange Parmesan reiben könne. Aber sonst ging es. Und so gemein wie der Spiegel war, konnte ohnehin niemand sein. Und einmal war da das kleine Kind im Schwimmbad, das sich angeekelt abwandte und sagte: "Iiih, Mama, was hat der Mann?! Hat ihm jemand Zigaretten auf der Brust ausgedrückt?". Das war der Moment, in dem ich gedacht habe: "Alle anderen denken das gleiche, sie haben nur gelernt höflich zu sein."

Julian mit Narben auf dem Rücken (Quelle: Fritz)
Bild: Fritz

Ich konnte mich nicht bewegen, wegen der Schwellungen in den Achselhöhlen und am Knie. Ich konnte keine weißen T-Shirts tragen, weil ich nach zehn Minuten einen Blutfleck hatte. Ich konnte nicht lächeln, wegen der Akne am Mund oder weil die Lippen so trocken waren von den Nebenwirkungen der Medikamente, die ich frühstückte.

Bei Akne fallen einem immer Kriegsmetaphern ein. Aber es war eben eine dermatologische Völkerschlacht. Die klassische Medizin hat Antibiotika, Cortison, Isotritenoin, selbst irgendwelche Rheumamedikamente ohne Aknezulassung in die Schlacht geschickt und mein Körper hat dagegen Entzündung, Schwellung, Blut und Eiter aufgefahren.

Inzwischen hab ich seit 18 Jahren Akne. Nur, inzwischen sind die großen Schlachten vorbei, nur noch hier und da ein paar Ausschreitungen. Geblieben sind Narben. Meine Mutter fragt mich manchmal, ob ich die nicht wegmachen möchte. Aber das will ich nicht.

Die Narben erzählen eine kleine Geschichte, wie ich mich selber mal hässlich gefunden habe und das ganz wichtig war und dann ganz unwichtig wurde. Sie erzählen eine Geschichte von einer Schlacht, die ganz und gar nicht, wie die Schlacht von Changping war und die ich irgendwie gewonnen hab. Und das ist doch eigentlich ganz geil.

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1 Kommentar

  1. 1.

    I feel you bro.