Das Ortsschild vo Cottbus. (Quelle: imago images/Christian Ohde)
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- "In der Heimat fühle ich mich bedroht"

Auch Cottbus hat gewählt: Mit 27 Prozent haben mehr als ein Viertel der Anwohner ihre Stimme der AfD gegeben. FritzReporter Florian Prokop ist wütend.

Am Sonntag wurde in Brandenburg ein neuer Landtag gewählt. Die AfD hat 23,5 Prozent der Stimmen geholt. FritzReporter Florian Prokop ist Cottbuser. Dort hat die AfD sogar 27 Prozent der Stimmen bekommen. Zu seiner alten Heimat hat Florian Prokop ein gespaltenes Verhältnis, gerade auch nach den Ergebnissen der Landtagswahl.

Ein Kommentar von Florian Prokop

"Warum bist du eigentlich nicht mehr so oft in der Heimat?", hat mich letztens eine Freundin gefragt. Da habe ich gemerkt, dass ich darüber eigentlich nie so richtig nachgedacht habe. Was ich weiß: Wenn ich an meine Heimat denke, dann werde ich eigentlich immer erst mal wütend.

Wenn Heimat der Ort ist, an dem man aufgewachsen ist, dann ist meine Heimat Cottbus. Seit mehr als zehn Jahren wohne ich dort nicht mehr. Ich bin abgehauen, habe mich aus dem Staub gemacht und wohne jetzt in Berlin. In Cottbus bin ich seltener und seltener.

Warum ich wütend werde, wenn ich an Cottbus denke? Über ein Viertel der Cottbuser Wählerinnen und Wähler hat am Sonntag die AfD gewählt. Die völkische Partei ist nun Volkspartei. Davon fühle ich mich bedroht. Ich sehe vermutlich sehr nach einem Berliner Hipster aus. Und ich bin schwul. Ist meine Art zu leben hier möglich? Ist es möglich, in Cottbus unbehelligt ein Leben zu führen, das von der Norm abweicht?

Was das angeht, bin ich privilegiert: Dass ich schwul bin, fällt wahrscheinlich nicht sofort auf. Aber was, wenn ich Hand in Hand mit meinem Freund nachts durch die Cottbuser Innenstadt laufen würde?

Und, wenn ich mich schon unsicher fühle, weil ich aus der Masse heraussteche: Wie geht es dann erst den geflüchteten Menschen in der Stadt?

Rückblickend ist es nicht so, dass Cottbus jemals anders war. Ich erinnere mich an Menschengruppen, die Anfang der 90er durch meine Wohngegend gezogen sind und "Heil Hitler" gerufen haben. Ich erinnere mich an den Nachbarn beim Grillabend, der an die jüdische Weltverschwörung geglaubt hat. Das war beängstigend, aber normal für mich.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, wenn über ein Viertel der Cottbuser rechts wählt, heißt das auch: Der Rest hat sich für demokratische Parteien entschieden. Es gibt in Cottbus die "Inseln der Glückseligkeit", wie ich sie nenne. Orte, an denen sich Menschen aktiv für Demokratie, für die Wahrung der Würde und Rechte aller einsetzen. Die durch Theater, durch zivilgesellschaftliche Maßnahmen, durch Kunst und Kultur versuchen, ein Gegengewicht zu bilden.

Die Rechte ist in Cottbus auch so stark, weil Leute wie ich irgendwann gegangen sind. Ich behaupte von mir gern, ich stehe für Vielfalt und Demokratie ein. Das in Cottbus zu leben, fühlt sich für mich nach Aufopferung an.

Vielleicht bin ich deshalb nicht mehr so oft in der Heimat, weil ich mich in meiner Art zu leben dort zusehends bedroht fühle. Und weil ich mich schäme, es nicht zu schaffen, dem vor Ort persönlich etwas entgegenzusetzen.

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7 Kommentare

  1. 7.

    WTF! Die gleiche Faulheit, die Dich bequem nach Berlin geschwemmt hat, weil Du hier für Deine Rechte als Schwuler nicht kämpfen musst, ist die Faulheit der AfD-Wähler, nicht selbst politisch aktiv werden zu müssen. Und wenn am Ende wieder Millionen Menschen, Träume, Rechte, Gedanken, Kunstwerke, Glaubensbekenntnisse, liebenswerte Eigenarten, Vielfältigkeiten, Bücher usw. vernichtet worden sind, dann könnt ihr wieder uni sono sagen: "Davon habe ich NICHTS gewusst! - Ich hatte ja nur Angst!"

  2. 6.

    Ich habe grade einen Tagesausflug nach Cottbus und Eisenhüttenstadt gemacht, bin auf sehr nette Leute gestoßen. Wieso haben viele Menschen aber dort Ressentiments gegen Flüchtlinge? Ängste, die allgemein ihr Leben bestimmen, werden seitens der AfD aufgegriffen und (in ihren Augen) ernst genommen. Die etablierten Parteien kümmern sich zu wenig, die Menschen dort fühlen sich oft, als wenn sie nichts wert wären.

  3. 5.

    Ich gebe Roma gerne Recht...
    Und, schade das alle nur auf die demokratisch gewählte Partei meckern und diese ausschließen wollen (was nicht sehr demokratisch ist) statt nach den Gründen des Erfolgs der AFD zu zu suchen um die Wähler abzuholen. Aber die „so sehr demokratischen“ Parteien der großen Koalitionen wollen nur noch ihre Sicht (bzw ihrer Lobbyisten) dem Volk aufdrücken.

  4. 4.

    Schade das so etwas über unsere Stadt berichtet und erzählt wird. Ich weis nicht wieso man Angst haben muss wenn man schwul ist! Mein bester Kumpel ist auch schwul, ist aber auch in CB geblieben und geht ins Stadion der Freundschaft auf die Nordwand und erlernt einen Beruf in der Stadt!
    Dazu kommt das er sich wohl fühlt und alles für seine Stadt macht und lebt!
    Dieses Wahlergebnis ist schon erschreckend aber man darf nicht alle AfD Wähler über einen Kamm scheren, genau so wie die Asylbewerber.

  5. 3.

    Ich bin ebenso Exil-(Süd)Brandenburger, allerdings nicht nach Berlin gezogen, sondern mittlerweile im aber ebenfalls recht alternativen Süden von Leipzig zu Hause und kann mich in vielem dem Autor nur anschließen.
    Vor kurzem habe ich ein paar Tage meine Mutter besucht und stelle immer mehr fest, wie sehr ich mich von der Region geistig entfernt habe.
    Vor allem das Ersuchen einfacher/-fältiger Lösungen beschämt mich sehr. Siehe Roma/Potsdam

  6. 2.

    Wo ist jetzt eigentlich das Problem? Das ist eine ganz normale demokratisch gewählte Partei. Also heul doch nicht rum. Warum bist du nicht da geblieben um was zu verändern? Du hättest doch Schreiner,Maler oder einen eigenen Laden aufmachen können um zu zeigen das die Jugend eben nicht wegzieht. Aber Hauptsache es rennen alle nach Berlin und heulen dann rum das in der alten Heimat alles schief läuft

  7. 1.

    Schade, dass Leute die Cottbus besuchen, denken sie müssten Angst haben. In Berlin gibt es genug Gewalt zwischen unterschiedlichen Gruppen, dass bleibt auch hier (leider) nicht aus. Ich bezweifle, dass 25% der Bevölkerung rechtes Gedankengut im Kopf trägt. Jedoch scheint der Frust auf die Politik so groß zu sein, dass man nicht erkennt, dass die AFD keine Alternative ist. Uns geht es gut in D / Cottbus, daher kann ich das ganze mit der AFD nicht nachvollziehen -> fehlender Realismus??