Das Bild zeigt die NO-STALK-App in einer Hand. (Quelle: Fritz)
Bild: Fritz

- Neue App gegen Stalker

Nur drei Prozent aller Stalking-Opfer zeigen ihren Stalker an - aus Angst, man könnte ihnen nicht glauben. NO STALK soll beim Sammeln handfester Beweise helfen.

Zuerst hatte Jule sich gefreut. Ein Kompliment für ihre Fotos über ihre offizielle Fotografen-Webseite. "Ich hab dann zurückgeschrieben und gesagt, 'hey danke, das ist ja lieb von dir'." Doch bei der einen Mail blieb es nicht: "Ich habe über drei Monate hinweg nachts bis zu fünf Mails bekommen." Ihr Inhalt: Perversitäten und Obszönitäten. "Er führte relativ genau aus, wie er sich Sex mit mir vorstellt, was er vielleicht mit potenziellen anderen Lovern von mir anstellen würde, hat Nacktfotos von sich geschickt und sich eingebildet, wir wären zusammen."
 
Jules Stalker wohnte zwar nicht in Berlin, er drohte aber immer wieder damit, sie zu besuchen: "Ich hab mich dann gegen meine Angst mit Selbstverteidigung beschäftigt, mich zu Hause eingeschlossen oder bei Freunden übernachtet", erzählt Jule. Am schlimmsten sei das Gefühl von Hilflosigkeit gewesen, vor allem am Anfang. Die neue App NO STALK vom Weißen Ring, einer Hilfsstelle für Kriminalitätsopfer, hätte ihr damals sehr geholfen. Vor allem aus psychologischer Sicht: "Die App gibt einem so ein bisschen die Kontrolle zurück. Für mich war es damals sehr wichtig, zu wissen, dass ich was tue und was ich tun kann." 

App gibt Stalking-Opfern Kontrolle zurück

Mit der NO-STALK-App können Stalking-Opfer ganz genau dokumentieren, was der Stalker macht - entweder über ein Foto, ein Video, eine Sprachaufnahme oder einen Screenshot. Die Dokumente werden automatisch und in verschlüsselter Form auf einen externen Server hochgeladen. Nach dem Upload können die Dateien nicht mehr gelöscht oder verändert werden. Deshalb haben die Beweise, die über die App gesammelt werden vor Gericht mehr Gewicht, als eine normale Handyaufnahme.

Das sagt zumindest der Weiße Ring, der Herausgeber der App. Der Berliner Strafverteidiger Dr. Toralf Nöding hält diese Einschätzung für zu optimistisch. Er verteidigt pro Jahr etwa 150 Stalker: "Die App gibt dem Nutzer die Möglichkeit, selektiv selber zu entscheiden, was sichert er und was dokumentiert er besser nicht. Dadurch ist die App als Beweismittel nicht mehr viel wert." In Nachstellungsfällen käme es darauf an, festzustellen, was an Hin- und Rückkommunikation stattgefunden hat. Als Beispiel nennt Nöding den Screenshot einer Anruferliste: Selbst wenn dieser Screenshot massenweise Anrufe des Stalkers zeigt, kann das Gericht - sollte es zu einem Verfahren kommen - nicht ausschließen, dass das Stalking-Opfer seine eigenen Anrufe nicht vielleicht aus der Anruferliste gelöscht hat, bevor es die Anrufliste über die App gesichert hat.

Rechtsanwalt kritisiert NO-STALK-App

Für den Verteidiger liegen die Probleme bei Stalking-Verfahren aber sowieso selten an fehlenden Beweismitteln wie Fotos, Mails et cetera: "Man muss dem Beschuldigten erst mal nachweisen, dass die Kommunikation überhaupt von ihm ausgegangen ist - zum Beispiel, wenn mit unterdrückter Nummer angerufen wurde."
 
Jule hält die NO-STALK-App trotzdem für sinnvoll: "Ich hätte beispielsweise die Kommentare, die der Stalker auf meiner Webseite hinterlassen hat, damit screenshotten können. So musste ich sie in Ordnern auf meinem Rechner sammeln und ausdrucken und das war sehr umständlich." Stalkingangriffe dauern zudem im Schnitt zwischen 21 und 28 Monaten, das hat der Weiße Ring herausgefunden. Da den Überblick zu behalten, sei schwierig, sagt Jule: "Oft finden Stalkingangriffe ja auch über verschiedene Plattformen statt und ich glaube, es ist wahnsinnig hilfreich, die Dateien alle an einem Ort sichern zu können."

Jules Stalker gab erst Ruhe, nachdem sie beim Familiengericht eine einstweilige Verfügung gegen ihn erwirkt hatte. Ab da musste er nach jeder Kontaktaufnahme ein Bußgeld zahlen. Nach drei Monaten war der Spuk vorbei.

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