Eine junge Frau legt ihren Kopf auf ihrem Schreibblock ab. (Quelle: imago/Westend61)
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- Abi auf Ritalin

Lerndrogen sind immer verbreiteter. Ein Mittel, das sowohl Schüler als auch Studenten häufiger nutzen, ist Ritalin. Spätfolgen nicht ausgeschlossen.

Mal wieder zu spät mit dem Lernen angefangen und jetzt steht Ihr da: Noch zwei Tage bis zur Klausur und Ihr müsst noch hunderte Seiten auswendig lernen. Da hilft nur ganz viel Koffein. Manche greifen gleich zu anderen leistungssteigernden Substanzen. Das Phänomen Lerndrogen hält mittlerweile Einzug an deutschen Schulen und Unis. Ritalin ist hoch im Kurs bei den Leuten, die sich auf den letzten Drücker nochmal richtig konzentrieren wollen.

Stundenlanger Fokus dank Ersatz-Speed

Genau, das Medikament, was häufig Kinder mit ADHS, also Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, verschrieben bekommen. Laut Beipackzettel wird durch den Wirkstoff eine verstärkte Aktivität und Wachheit erzeugt, außerdem würde die Konzentration und Ausgeglichenheit gefördert. Was kleineren Kindern zur Konzentration verhelfen soll, wird zum gleichen Zweck auch an der Schule und Uni genommen: Die Leute wollen sich besser aufs Lernen einstellen können, nicht müde werden, stundenlang nur auf eine Sache fokussiert und so viel effizienter sein.  

Ritalin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament mit dem Hauptinhaltsstoff Methylphendiat, der amphetaminartig ist. Es wird auch als Ersatz-Speed bezeichnet. Die Abgabe des Stoffs wird in der Apotheke strengstens kontrolliert, da es dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt ist. Aber nehmen die Leute das wirklich, oder wird es nur übertrieben oft in Internetforen angepriesen?

Ritalin? Dann ruf diese Nummer an!

Es ist einer der ersten Tage des neuen Sommersemesters. Um zehn Uhr morgens stehen dutzende Studierende vor dem Hauptgebäude der TU Berlin. Yussuf quatscht mit einer Gruppe Jungs über die letzte Vorlesung. Er studiert Maschinenbau und kennt das Gefühl, sich nicht gut konzentrieren zu können.

Um effizienter zu lernen, hat er schon einmal mit Ritalin nachgeholfen. Richtig was gebracht hat ihm das Ganze aber nicht: "Ich war die ganze Zeit nervös, wahrscheinlich hilft Ritalin wirklich nur den kleinen Kindern mit ADHS", stattdessen würde er in Lernpausen öfter mal kiffen und habe damit eine gute Motivation gefunden. Von chemischen Drogen wie Amphetaminen hält Yussuf nichts.

Viele angesprochene Personen auf dem Campus haben schon mal Ritalin oder andere Substanzen zum Lernen ausprobiert oder kennen wiederum Leute, die regelmäßig für lange Sitzungen in der Bibliothek nachhelfen. Daniel hat zwar selbst noch nie irgendwelche Lerndrogen ausprobiert, bekommt aber schon die Diskussionen zum Thema mit: "Ich hab schon viel gesehen, zum Beispiel stand an der Klowand: 'Ritalin? Dann ruf diese Nummer an.'“

Problemkonsum nimmt zu

Einerseits ist Ritalin ein Medikament, das bereits kleine Kinder bekommen, andererseits wissen wir nicht, was langfristiger Konsum mit unserem Gehirn anstellt, warnt Arthur Coffin von der Suchtberatungsstelle „LogIn“ des Drogennotdienstes in Berlin-Charlottenburg. „Die größte Gefahr ist, dass die Konsumenten in eine psychische Abhängigkeit geraten“, berichtet er und warnt davor Ritalin zu bagatellisieren.

Aus seinem Alltag in der Suchtberatung weiß er auch zu erzählen, dass der Spaßkonsum auf Partys eher abgenommen und der Problemkonsum bei Stress, Trauer und Problemen zugenommen hat. Die Leute wollen nicht mehr nur hauptsächlich stundenlang wachbleiben um zu tanzen, sondern müssen nun auch ihre Leistungen mit Drogen steigern. Aber wo kommt diese Entwicklung her?

Leistungsdruck durch Bologna-Reform

Henry ist 22 und studiert auch an der TU. Er kennt einige Leute, die zu Betablockern, Ritalin oder Adderall greifen, um sich besser konzentrieren zu können: "Das liegt meiner Meinung nach am gestiegenen Leistungsdruck. Zum Beispiel durch die Bologna-Reform oder kürzere Regelstudienzeiten.“

Auch Arthur Coffin kennt das gestiegene Leistungsniveau und berichtet, dass auch schon Menschen im Abitur darunter leiden. Lehrerinnen hätten ihm berichtet, dass viele Schülerinnen und Schüler im letzten Jahr vor den Prüfungen regelmäßig Ritalin genommen haben. „Ob die Leute am Ende besser lernen können ist auch fraglich. Denn nur weil eine Person länger wach bleiben kann, heißt es ja nicht, dass das Erlernte besser aufgenommen wurde“, relativiert er den Erfolg des Medikament.  

Alltag in den Suchtberatungsstellen

Ritalin tauche in einer normalen Drogenstatistik gar nicht auf, deshalb sei es schwer zu sagen wie viele Studierende, Schülerinnen und Schüler wirklich mit dem Medikament nachhelfen. Was Arthur Coffin aber aus seinen beruflichen Erfahrungen bestätigen kann: Das Phänomen Lerndrogen hat in den letzten anderthalb deutlich zugenommen, vorher tauchte diese Art des Konsums in den Suchtberatungsstellen überhaupt nicht auf. Heute gehören sie fast zur alltäglichen Arbeit.

Wenn von Euch jemand Hilfe im Umgang mit psychischen Krankheiten oder Suchtproblemen benötigt, der findet hier die geeignete Beratungsstelle.

Zum Hören

"An der Klotür steht: 'Ritalin?- Ruf diese Nummer an.'"

Download (mp3, 3 MB)
photocase.com

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