- 40 Jahre SO36

Zwischen Punk und Kommerzialisierung

Das Edelweiß im Görlitzer Park hat erst kürzlich dicht gemacht und auch das Rosis in Friedrichshain muss bald schließen. Nur ein Club hat sie bisher alle überlebt: das SO36 in der Oranienstraße in Kreuzberg. Am 11. August feiert der Laden sein 40-jähriges Bestehen. Für einen alternativen Club in Berlin ein beachtliches Alter.

Und in 40 Jahren ist natürlich viel passiert. Was das "SO" in dieser Zeit alles erlebt hat, wer dort alles aufgetreten ist oder randaliert und mit Bierbüchsen um sich geworfen hat, haben wir für Euch in einer kleinen Chronik zusammengefasst.

  • Zur Eröffnung vom SO36 kommt direkt David Bowie. Kein schlechter Start für die drei jungen Betreiber aus Westdeutschland. Mit einem cremefarbenen Daimler fährt er vor. Im Schlepptau hat er seinen Mitbewohner. Der ist so besoffen, dass er später an der Bar zusammenbricht.

    Vier Monate später sind auch die Betreiber am Boden. Das Geld ist alle. Also holen sie den Künstler Martin Kippenberger an Bord. Der hat Kohle, geerbt von seinen Eltern. Kippenberger hat aber keine Lust auf einen reinen Punkschuppen. Er will Kunst und Filmvorführungen. Für die lokalen Punks ist das absolute "Konsumscheiße".

    Ratten-Jenny weigert sich zu gehen

    Eines Abends kommt Ratten-Jenny ins SO36 – benannt nach der weißen Ratte, die sie immer auf ihrer Schulter trägt. Obwohl sie Stammgast ist, schmeißt Kippenberger sie kurzerhand raus: "Dich wollen wir hier nicht". Ratten-Jenny weigert sich und haut Kippenberger ein Bierglas ins Gesicht. Er lässt sich mit blutigem Gesicht fotografieren – ein Foto, das ihm später viel Geld bringen wird.

    Was die lokale Anarcho-Szene Kippenberger aber noch viel übler nimmt, sind die horrenden Bierpreise. Zwei Mark für ein Bier. Für einen sozialen Brennpunkt, wie es Kreuzberg damals war, viel zu viel. Also plündern sie eines Abends die Konzertkasse und begründen damit Schließung Nummer eins vom SO36. Zwei weitere sollten folgen.

    Das SO36 wird zum türkischen Kulturzentrum

    1979 übernimmt der Kreuzberger Hilal Kurutan den Laden. Er ist Sozialarbeiter und will jungen Türken einen Ort zum Feiern geben, weil sie in normale Clubs nicht reinkommen. Aus dem SO36 wird das "Merhaba SO36", ein türkisches Kulturzentrum mit Hochzeiten, Beschneidungsfesten und türkischen Discoabenden. Aber schon bald finden abends wieder Punk-Konzerte statt. Die BRAVO schreibt 1981 über den Gig der Punkband U.K. Subs: "Das Publikum, das zu diesem Konzert erschien, gehört wahrscheinlich zu den kaputtesten, die Berlin zu bieten hat."

    Kaputt sind irgendwann auch die Klos. Weswegen die Bauaufsicht den Laden 1983 kurzerhand dicht macht.

  • Seinen linken Anstrich bekommt das SO36 mit seiner Hausbesetzer-Phase. 1984 krallen sich Aktivisten die Konzerthalle. Die ist zu diesem Zeitpunkt im Besitz der Internationalen Bauausstellung. Weil dessen Architektenteam aber selbst ziemlich links ist, überlässt sie das SO36 kurzerhand den Hausbesetzern. Die machen daraus wieder einen Punkschuppen und einen Treffpunkt für Autonome.

    Eskalation in der Silversternacht '87

    Kreuzberg ist zu der Zeit von Straßenkämpfen zwischen der linken Szene und der Polizei geprägt. Nicht selten finden die Randale direkt vor der Tür des SO36 statt.

    Silvester '87 kommt es zur Eskalation. Punks bewerfen Polizisten mit Böllern, daraufhin beschießen sie die 500 Konzertbesucher mit Tränengas. Schließen muss das SO36 dann aber wegen der Bauaufsicht, erzählt Nanette aus dem heutigen SO36-Team: "Da war 'ne Theategruppe und die hatten so ein Konzept, dass die den Gang fluten wollten. Das sollte ein Gang übers Wasser werden und das war dann das Ende."

  • Aus den Hausbesetzern heraus entwickelt sich dann in den frühen 90ern der Verein Sub Opus 36 e.V., welcher das SO36 bis heute betreibt. Anfangs läuft es schleppend. Der Osten ist damals viel angesagter zum Feiern als der Westen. Doch die Betreiber finden ihre Nische: queere Partys. Schwule und Lesben, Heteros und Homos feiern zum ersten Mal zusammen. Mit "Gayhane" entsteht außerdem die erste Party für queere arabisch- und türkischstämmige Menschen.

    Nach und nach professionalisiert sich das SO36. Weil’s nicht anders geht. Die Miete vervierfacht sich. Aus Selbstverwirklichung wird Selbstbehauptung. Auch Hip Hop-Bands wie Fettes Brot oder Freundeskreis dürfen jetzt im SO36 spielen. Anhänger der ersten Stunde werfen dem SO36 Kommerzialisierung und Mainstreamisierung vor.

    Soli-Aktionen und ein Benefiz-Konzert bringen die Rettung

    Erst als der Club 2007 erneut vor der Schließung steht – ein Nachbar hat Lärmbeschwerde eingelegt – wird vielen Berlinern bewusst: Das SO36 muss bleiben. Es verkörpert den Geist von Kreuzberg: multikulturell, tolerant, hedonistisch, antirassistisch, antisexistisch, antihomophob.

    Soli-Aktionen, Spenden und ein Benefiz-Konzert der Toten Hosen bringen schließlich das benötigte Geld (100.000 Euro) für eine Lärmschutzmauer ein. Das SO36 ist gerettet. Zumindest bis 2020. Bis dahin geht der aktuelle Mietvertrag.

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