Die Journalistin Doris Akrap hält das Buch von Deniz Yücel hoch. (Quelle: Fritz)
Bild: Fritz

- "Diesen Mann kriegt ihr nicht zum Schweigen"

Doris Akrap über Deniz Yücel

Am 14. Februar jährt sich die Inhaftierung von Deniz Yücel. Der Journalist sitzt seit einem Jahr ohne Anklage im türkischen Gefängnis. Am Jahrestag erscheint das Buch "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", das er teilweise aus dem Gefängnis heraus geschrieben hat - zusammen mit seiner Kollegin und Freundin Doris Akrap von der taz.

RadioFritze Max Ulrich hat sie im Foto-Archiv der taz getroffen und mit ihr über die Entstehung, den Autoren und seinen Humor gesprochen.

Ein Jahr ist Deniz Yücel jetzt im Gefängnis. Wie geht es ihm denn dort, Frau Akrap?

Doris Akrap: Das ist eine Frage, die mir sehr oft gestellt wird, die ich aber nicht beantworten kann, weil ich es nicht weiß. Unsere ganze Kommunikation läuft über Anwälte und es ist nicht einfach, weil die fast zwei Stunden brauchen, um zum Gefängnis zu kommen und dann noch mal eine Stunde durch die Sicherheitsschleusen, um dann im Besucherraum vor ihm zu sitzen. Das hat auch die Produktion des Buches extrem umständlich gemacht. Es hat lange gedauert, bis ich ihm als Herausgeberin meine Anmerkungen zur Auswahl, zu Überschriften, zu Korrekturen und Änderungen zukommen lassen konnte, um seine Antwort zu erhalten. Das dauert normalerweise so eine Stunde im Gespräch, Telefonat oder Mailverkehr. Bei uns hat es fast immer drei, vier Tage gedauert.

Die alltägliche Kommunikation ist also nicht möglich?

Nein, all das ging gar nicht. Er sitzt nach wie vor in Einzelhaft. Besuch darf er nur von den Anwälten, seiner Ehefrau und Familie ersten Grades, also seinen Eltern und seiner Schwester, bekommen. Die leben allerdings in Deutschland und können dementsprechend nicht oft dahin.

Wie arbeitet man dann an einem Buch?

Ich habe meine Anmerkungen per Mail an die Anwälte geschickt und das haben sie ihm dann gezeigt und er hat darauf geantwortet. Es gibt keine direkte Kommunikation. Die Diskussionen, die eigentlich keine waren, weil so viel Zeit dazwischen lag und sie sehr knapp sein mussten, entbehrten auch nicht einer gewissen Komik. Das kommt daher, dass Deniz sehr pedantisch ist, sowohl inhaltlich, als auch in formalen Fragen. Gegen Ende hatten wir immer noch nicht die Auswahl für das sehr große Türkei-Kapitel getroffen und auch die Texte aus der Haft noch nicht. Deniz bat mich, die ganzen türkischen Sonderzeichen in die Texte einzusetzen. Darüber bin ich wirklich schier wahnsinnig geworden. Er wollte nämlich nicht nur die Haken an den Cs, sondern er wollte auf dem großen I, was bei Instanbul, Ilkay und Imran der Fall ist, einen Punkt haben. Das hatte ich noch nie gesehen. Das hört sich einfach an per Suchen und Ersetzen, aber ich hatte immer unterschiedliche Dateien, weil sich die Textauswahl ständig geändert hat, die Korrekturen reinkamen, um Kontext erweitert wurden und ich es deshalb händisch machen musste. Das hat mich wahnsinnig gemacht und ich habe ihn bestimmt dreimal wirklich verflucht. Ich musste dann aber auch immer wieder lachen, weil ich ihn über die Anwälte habe wissen lassen, dass ich gerade wieder durchgedreht bin, weil er eben so ein Pedant ist. Das hat er nicht verloren: seine Konzentrationsfähigkeit, seine Genauigkeit, sowohl inhaltlich als auch bei der Wortwahl. Er hat über Wochen diskutieren wollen, ob man lieber von einer getrennten oder einer gespaltenen Gesellschaft spricht. Aber das war ihm eben wichtig und genauso eben auch die türkischen Sonderzeichen.

RadioFritze Max Ulrich interviewt die Journalistin Doris Akrap. (Quelle: Fritz)
RadioFritze Max Ulrich im Interview mit der taz-Journalistin Doris Akrap. Bild: Fritz

Was ist Deniz denn für ein Typ, dass er in der Türkei eingesperrt wurde?

Um es einfach zu sagen: Er ist Journalist und er hat als Journalist seine Arbeit gemacht. Das ist offensichtlich eine Arbeit, die der Regierung nicht gefällt. Er ist ja bei weitem nicht der Einzige, der auffällig geworden ist. Die genauen Zahlen kann niemand sagen, weil es ein großes Kommen und Gehen in den Gefängnissen ist, aber es waren mal 180 Journalisten inhaftiert. Mit den kriegerischen Operationen in Syrien werden erneut hunderte Journalisten festgenommen, auch wenn sie nicht alle sofort ins Gefängnis kommen. Deniz geht halt dahin, wo es wehtut. Es gab zwei Texte, die der Anstoß der Festnahme waren. Ein Interview mit dem zweiten PKK-Anführer und ein Text, den die Welt unter dem Titel "Der Putschist" veröffentlicht hat. Da steht aber nicht drinnen, dass Erdogan den Putsch selbst gemacht. Es ist eine intensive Analyse und ein großer langer Text. Wobei ich glaube, dass sie die Texte gar nicht kannten, als sie ihn festgenommen haben. Die haben gesehen, dass er Journalist und Deutscher ist und gerne in die kurdischen Teile der Türkei fährt und darüber schreibt.

Im Buch sind zwei Texte, die er im Gefängnis geschrieben hat und sonst Texte aus den letzten 13 Jahren, die er vorher schon für die TAZ und die Welt geschrieben hat. Ich hatte den Eindruck, dass es sehr viele fröhliche und lustige Texte sind. War das Absicht oder ist Deniz einfach ein lustiger Typ?

Das ist jetzt eine sehr lustige Frage, weil ein großer Teil seiner Texte, bevor er Korrespondent in der Türkei wurde, wirklich lustig sind. Wir haben natürlich nicht nur die lustigsten ausgewählt, sondern eine inhaltliche Vielfalt. Es sind eine Reihe seiner Kolumnen drin. Er hatte eine ständige Kolumne und eine zu Sonderproduktionen wie zum Beispiel Europawahlen oder Fußballweltmeisterschaften, wo er andere Formate ausprobiert hat und die naturgemäß satirisch sind. Das steht auch auf dem Cover im Untertitel mit "Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte". Er ist ein großer Satiriker und Ironiker und das kann er. Man muss lachen, obwohl es um beinharte Themen geht.

Sogar über den Pegida-Text aus Dresden konnte ich lachen, weil er so eine schöne Art hat, die Leute zu beschreiben, die dort spazieren gehen.

Er fragt die Leute da ja auch, ob dort denn auch Nazis seien und alle verneinen und sagen, dass es nur Friseure und so weiter seien, die da herumlaufen.

Woraufhin er sagt, dass ihm noch gar nicht aufgefallen ist, dass Nazi ein Beruf ist.

Ja, das ist eine große Kunst. Er ist in Deutschland bekannt für seine scharfen Kolumnen. Da hat er sich auch gewollt viele Feinde gemacht. Die Kolumne "Deutschland schafft sich ab" ist ein Highlight auf Twitter unter Rechten und unverständigen Menschen. Die ist auch im Buch. Da kann man sicher streiten, ob er die Grenzen des schlechten Geschmacks überschreitet und ob man das gut findet. Sein Kennzeichen ist aber eben dieser Satire-Style, den man können muss. Auch obwohl das, was er gerade erleidet, überhaupt nicht zum Lachen ist, muss man sogar bei den Texten, die er in der Haft geschrieben hat, schmunzeln. Das ist auch für mich ein Moment der Erleichterung. Den Humor, der ihn auszeichnet, hat er nicht verloren. Und auch die Selbstironie, denn er macht sich nicht nur über andere, sondern auch über sich selbst und seine aktuelle Situation lustig. Das ist sehr wichtig. So ein Typ ist er dann wohl, um die Frage zu beantworten. Ich kenne ihn über 25 Jahre, wir haben zusammen Abitur gemacht und sind im selben Krankenhaus geboren. Wir kennen uns sehr gut, würde ich sagen.

Ist das nicht seltsam, dass Sie das Buch herausgeben, die ganzen Interviews geben und für ihn sprechen müssen?

Es ist natürlich blöd, im Namen von jemandem zu sprechen. Aber es ist wichtig, dass das Buch erscheint und er hat mich gebeten, das zu tun. Ich wollte es machen und es hat großen Spaß gemacht. Ich habe gemerkt, dass ihm das auch gut tut. Er hatte was zu tun, weil, was macht man den ganzen Tag im Gefängnis? So schlimm die Situation ist, war es wichtig, etwas Praktisches zu tun und zu sagen: Diesen Mann kriegt ihr nicht zum Schweigen.

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