Drei Jungs mit Masken im Gesicht laufen auf einem Dach herum. (Quelle: Fritz)
Fritz
Bild: Fritz

- Berlin Kidz

Action und Graffiti über den Dächern

Sie sprühen illegal an Hochhausfassaden, picknicken auf einer fahrenden S-Bahn oder schließen Schrottfahrräder oben an einer Skulptur an, die in der Spree steht. Die Berlin Kidz sorgen mit ihren gefährlichen Aktionen immer wieder für offene Münder. Im Netz dokumentieren sie ihr extremes Treiben. In diesen Tagen bringen sie ihre zweite DVD heraus. Die Fritzen haben sich mit Paradox von den Berlin Kidz zum Interview getroffen.

Fritz: Seit Eurem ersten Film sind vier Jahre vergangen, jetzt kommt Euer zweiter langer Film „Berlin Kidz 2 – Fuck the Sytem“ raus. Was erwartet uns da?

Paradox: Pixaçao und Abseilaction, wir haben höhere Gebäude bemalt, wie zum Beispiel das Postbank-Center, ein Windrad, ein krasses Gebäude in Steglitz. Und mit den Drohnenaufnahmen sieht jeder die Tags und Hieroglyphen so richtig gut. Natürlich auch Trainsurfen, Rückwärtssalto auf einem Zugdach, witzige Aktionen wie damals das Picknick. Allerdings ist das der letzte große Film von uns, das macht einfach zu viel Arbeit.

Pixaçao - was bedeutet der Name und wo kommt er her?

Das kommt aus Brasilien und ist ein sehr sozialkritisches Ding. Damals haben die Sprüher die langgezogenen Schriften von den ganzen Metalbands übernommen und noch schwerer lesbar gemacht. In São Paolo sind diese Typen an richtig hohen Häusern hochgeklettert und haben mit Schwarz ihre Tags angebracht. Denn so hoch oben ein richtiges Bild malen, kannst du vergessen. Da spielt dann Typografie und Kalligrafie eine Rolle.

Zu Eurem Markenzeichen zählt immer die Farbkombination Blau und Rot - welche Bedeutung haben diese Farben für Euch?

Blau ist die Freiheitsfarbe, eine leichte Farbe, da fühlt man sich wohl. Rot ist auch eine schöne Farbe, signalisiert aber Blut und auch ein wenig das Negative. Und beides zusammen heißt eben Yin und Yang. Außerdem liest sich das auch besser, wenn die Buchstaben sehr verstylet sind.

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Oft schreibt Ihr unter Eure Schriftzüge noch kleine Botschaften oder ergänzt diese mit Friedenstauben. Soll das Eure Message noch verstärken?

Man sprüht ja, um frei zu sein und um ein bisschen auszubrechen aus dem Teufelskreis des Systems. Alles dreht sich nur ums Geld und darüber sind wir nicht froh, auch, wie einige Menschen denken. Daher sprühen wir für Hoffnung und alles, was gut ist. Zusätzlich spielt der Stressabbau eine große Rolle dabei. Manche betreiben Hochleistungssport oder Wingsuitzeugs, wir holen uns unser Adrenalin eben beim Sprühen und Trainsurfen, wobei Meditieren bestimmt das Beste wäre.

Du fühlst dich also nur frei, wenn Du Dein Leben auf einem fahrenden Zug oder an einem Seil über dem Abgrund riskierst?

Ich habe auch andere Hobbies. Ich gehe Wellenreiten, große Wellen, in Marokko oder Indonesien. Was mich aber antreibt, ist die Gesellschaft, ich möchte nicht jeden Tag als Roboter leben, ich will frei sein. Ich habe keinen Bock auf einen vollen Briefkasten mit Rechnungen. Immer dieses Geld verdienen, Geld bezahlen, Geld vermehren.  

Von einem Hochhaus abseilen könnte doch genügend Freiheit bringen, warum muss es unbedingt noch Trainsurfen sein?

Trainsurfen hat ja nichts mit Graffiti zu tun. Trainsurfen ist wie Freerunning oder Parcours. Du machst Sport, bewegst dich fort, indem du alle Hindernisse bezwingst. Beim Trainsurfen passiert auch viel im Kopf. Wir surfen selten, sonst wirst du leichtsinnig. Das ist immer eine Phase. Und du musst absolut vorsichtig sein und weder kiffen noch Alkohol trinken. Übrigens sollte sich eine Mama viel mehr Sorgen machen, wenn ihr Kind sich aufs Motorrad schwingt.  

Ihr steckt aber auch hinter anderen Aktionen im öffentlichen Berliner Raum. Da war ja dieses Fahrrad oben auf dem Molecule Man bei der Elsenbrücke. Was sollte das eigentlich?

In Berlin stehen ganz viele Fahrradleichen rum, wir nennen sie Ghostbikes. Die machen wir fahrtüchtig, fahren mit denen rum und bringen die dann an Orte, an denen keiner ein Fahrrad vermuten würde. Das ist dann eine Kunstaktion - die Leute sollen sich darüber freuen. Mehr nicht. Ich nenne das Trash-Art.

Wie belastet Euch der Verfolgungsdruck der Polizei? Denn Euer Hobby könnt ihr ja nur ausleben, wenn Ihr Euch strafbar macht?

Wir finden das ja lustig, dass uns sogar die Polizei in Schöneberg kennt. Als wir eine Aktion abbrechen mussten, haben sie wohl gemeint, dass sie uns fast bekommen hätten. Die Polizei weiß schon, dass es uns gibt. Ansonsten müssen wir immer aufpassen. Wir dürfen Online keine Spuren hinterlassen, müssen mit unseren Telefonen aufpassen. Dazu kommt die Paranoia oder eben die Auseinandersetzung mit Anzeigen und so weiter. Man muss eben professionell arbeiten, dann passiert auch nichts.

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