- "Man muss auch loslassen"

Casper im FritzInterview mit Visa Vie

Am 1. September erscheint es endlich: das neue Casper-Album "Lang lebe der Tod". Auf Tour wird Casper im Herbst ebenfalls gehen und in Berlin könnt Ihr den Rapper am 24. November live sehen. Das dauert Euch zu lange? Dann haltet nach dem Hashtag #catchcasper3 Ausschau. Unter diesem Titel findet am Mittwoch, 6. September, ein Geheimkonzert in Berlin statt - und wir werden die letzten Tickets dafür verlosen!

Die Details zu #catchcasper3 sind noch top secret. Was sonst gerade bei ihm los ist, hat Casper bei "Irgendwas mit Rap" erzählt. Das komplette Interview mit Visa Vie könnt Ihr in unserer Streambox nachhören oder hier lesen.

Visa Vie: Früher hat man Dich häufiger mal auch auf Rap-Veranstaltungen getroffen. Heute nicht mehr so oft. Fehlt Dir das oder bist Du froh, dass Du da raus bist?

Casper: Ich bin schon ein bisschen froh, dass ich da raus bin. Irgendwie hab ich festgestellt, dass ich ganz viele Kontakte im Telefon hatte, wo ich dachte: Wenn ich hier jetzt eine Freibiertheke aufstelle, sind die alle da. Aber wenn ich frage, wer mir beim Umzug hilft, dann ist niemand da. Und dann hab ich mich dafür entschieden, meinen Kreis sehr klein zu halten. Ich war aber auch tatsächlich fast anderthalb Jahre nur im Studio.

Hast Du Dir in der Zeit denn auch mal ein bisschen Freizeit gegönnt oder hast Du wirklich gar nichts für Dich gemacht?

Freizeit würde ich so nicht sagen. Eher so überarbeitet und am Limit zu sein, dass man die Notbremse ziehen muss und eine Woche was anderes macht. Ich muss auch was an meiner eigenen Arbeitsweise ändern. Das wird dann immer alles zu wahrhaftig und zu detailverliebt. Mit den letzten drei Alben, das war schon immer ein heftiger Kampf.  

Das klingt aber nicht gerade nach einem schönen Prozess, den Du da durchlaufen musstest. Als wäre das für Dich irgendwie auch eine Qual.

Ich habe das schon immer gesagt. Neulich meinte auch jemand, ich soll keine Musik machen, wenn es mir keinen Spaß macht. So kann man das nicht erklären. Ich spiele sehr gerne live und ich liebe Musik. Ich habe einfach so riesige Ansprüche an mich selbst. Da gibt’s schon immer Punkte, wo gesagt wird: Ja, das ist ganz gut. Aber ich find’s nicht gut. Ich bin nicht der Typ, der schnell was macht und dann sehr stolz drauf ist. Der glaubt, dass er ein Level erreicht hat und sich den Mix im Auto selbst anhört und es richtig geil findet. Das ist auch gar nicht Emo-mäßig gemeint. Ich liebe das alles, aber die Platte an sich machen, ist jedes Mal wie eine Doktorarbeit zu schreiben. Man wird daran bewertet und es entscheidet ja auch über die nächsten Jahre meines Lebens.

So ein Perfektionismus ist ja auch sehr kräftezehrend.

Perfektionismus ist vielleicht das falsche Wort, denn das würde ja bedeuten, dass alles, was ich mache, perfekt ist. Es sind unerreichbar hohe Ansprüche an mich selbst und auch die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit. Ich mache ja schon zwischendurch Rap-Songs und spiele sie den Leuten vor. Die finden es dann mega gut, aber ich bin immer unsicher. Ich hab aber auch Angst davor, wenn etwas zu schnell gegangen ist. Da bin ich dann zu sehr Kopfmensch. Ich habe große Bewunderung für Kollegen, die ins Studio gehen, einen Beat anmachen und drauflosschreiben, einfach den Kopf ausschalten und fließen lassen.

Bist du ein Kontrollmensch?

Nein, das habe ich geschafft ein bisschen abzulegen. Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich immer wieder in bestimmte Situationen komme - bestimmte Streitereien oder Eifersüchteleien. Und dann hab ich gemerkt, das liegt an mir. Man muss Sachen erstmal loslassen und Leute machen lassen.  

Bist Du mit dem neuen Album nun zufrieden?

So gesehen bin ich zufrieden. Diese richtige Zufriedenheit kommt bei mir immer später. Als wir „XOXO“ rausgehauen haben, war ich anfangs unsicher. Zwei Jahre später fand ich aber, dass das schon krass gelaufen ist. Man entdeckt Sachen und findet es total verrückt, dass man das selbst geschrieben hat. Ich bin so lange in dem Prozess drin, dass es mich deswegen nicht mehr begeistert, wenn es fertig ist. Ich habe das dann 400 Mal gehört oder so. Und das ist bei "Hinterland" genauso gewesen.

Hast Du denn schon einen Lieblingssong vom aktuellen Album?

Der letzte Song ist mein Lieblingssong, der heißt "Flackern, flimmern". Das ist einer der drei besten Songs, die ich je geschrieben habe. Ich messe das daran, dass ich da sehr lange dran gesessen habe. Der hat mich sehr berührt, ich habe das immer gespürt und das passiert ganz selten bei mir. Ich bin aber auch sehr stolz auf den Song "Lang lebe der Tod". Ich finde, dass der wahnsinnig gut produziert ist und auch durch das Feature von Blixa Bargeld. Der Song bringt die Platte ganz gut auf den Punkt. Einerseits beschäftigt sich der Song mit meinem Platz in der Welt. Davon habe ich ja auch eine ganz krasse Innenwahrnehmung. Und da bin ich ein relativ zurückgezogener Mensch, der nicht unbedingt die Öffentlichkeit sucht. Dann gibt es aber auch die Außenwahrnehmung. Social Media und die Berichterstattung über Popkultur hat für mich so eine Drauf-Hau-Mentalität.

Casper feat. Drangsal "Keine Angst"

Ich habe die Platte gehört und fand sie ein bisschen bedrückt und apokalyptisch. Man hat das Gefühl, es passiert jeden Moment etwas Schlimmes. Kannst Du mal beschreiben, wie Du im Schreibprozess wirklich drauf warst?

Für mich habe ich mit "Hin zur Sonne", "XOXO" und "Hinterland" meine Trilogie abgeschlossen. Ich wollte eine Platte aus dem Jetzt machen. Ich wohne nicht in einem Bunker und habe Vorräte angelegt. Ich sehe auch nicht die Welt untergehen und bin ständig bedrückt. Ich habe aber schon das Gefühl, dass wir uns in einer dystopischen Zeit befinden. Ich glaube nicht, dass morgen die Welt untergeht, aber ich denke, es ist ein relativ realistisches Szenario, dass ich morgen früh aufwache, die Nachrichten anschaue und jemand versucht, die Hälfte der Welt wegzubomben.

War Dir bewusst, wie politisch das wird oder ist das automatisch passiert?

Ich kann keine Karriere oder Alben lang meine Familie beschreiben, meine Jugend, meine Freunde. Ich wollte übers Jetzt reden und ich habe das als sehr politisch empfunden. Ich finde Dystopie aber auch als Stilmittel gut. Ich habe Filme und Serien wie "V wie Vendetta" oder "12 Monkeys" geguckt. Erst später ist mir aufgefallen, dass es dann doch sehr persönlich geworden ist. Aber im Entstehungsprozess selbst wollte ich eher eine filmische, sehr harte, technoide Platte. Ich wollte einfach ein stimmungsvolles Bild zeichnen.

Du thematisierst ja auch immer wieder, dass Du eher introvertiert bist. Und dass es eben auch schwer ist, seine Kunst zu machen, ohne dabei sein ganzes Leben preiszugeben.

Ich beschäftige mich sehr viel damit. Man muss seinen Hafen finden. Ich finde die Art und Weise, wie etwa die 187 Strassenbande Social Media macht, zum Beispiel super unterhaltsam. Weil ich glaube, das ist deren authentisches Leben. Mein Leben ist tatsächlich nicht so spannend. Und ich fühle mich doof, wenn ich auf öffentlichen Plätzen mein Handy rausnehme, um mich selbst zu filmen. Aber ich weiß auch, dass ich das Spiel spielen muss. Und ich hab da auch Bock drauf. Irgendwie ist es ja schon witzig und beschäftigt mich. Als ich angefangen hab, Dinge in Social Media zu machen - damals noch bei MySpace, das war die beste Zeit - war es so, dass man Musiker ist und Social Media ist eher ein Zusatz. Aktuell ist es eher gleich wichtig. Man muss immer wieder was posten.  

Filmen Dich Leute auch ungefragt in bestimmten Momenten? Ist Dir das schon mal aufgefallen?

Ich habe neulich einen Kommentar über mich unter einem Interview gelesen. Darin stand, ich solle mich nicht so aufregen, denn ich verdiene ja genug Kohle damit und habe mir das selbst ausgesucht. Und die Frage stell ich mir tatsächlich häufig: Hab ich das wirklich mitgekauft, dass bei mir Leute klingeln und vor der Bude abhängen? Oder, dass mir auf der Straße hinterher gebrüllt wird? Dass in meinem Privatleben rumgestöbert wird? Meine Frau von irgendwelchen Kids anonym Sprüche im Internet gedrückt bekommt? Ich finde nicht. Wir befinden uns in einem Zeitalter, wo man vielleicht vor vier Jahren sagen konnte: "Ach, ist doch nur Internet." Aber wir machen ja alles im Internet - das ist das echte Leben. Ich bin mir meiner Außenwirkung bewusst und versuche das nicht in eine Emo-Richtung zu drängen. Aber ich finde es immer schwer, eine Grenze zu ziehen und auch eine Grenze klarzumachen.

Du hast Dich ja auch nie versteckt, wenn es um deine Emotionen geht, bist eher sensibel. Wie reagierst Du denn auf das Weltgeschehen als Mensch?

Das trifft einen natürlich. Ich glaube, dass da keiner komplett gefühllos ist. Ich finde es krass, dass die Leute Angst vor den falschen Dingen haben. Die haben zum Beispiel keine Angst vor Krieg, der irgendwo tobt und womöglich hier überschwappen könnte. Die haben Angst vor den Leuten, die aus dem Krieg fliehen und Hilfe suchen. Das hab ich nie verstanden.  

Hast Du vor irgendwas Angst?

Ich glaube, ich habe einen sehr krassen Beschützerinstinkt. Ich schlage dann nicht wild um mich, aber wenn ich merke, dass jemandem in meinem ganz engen Kreis Unrecht getan wird, dann bin ich schon sehr an vorderster Front und versuche alles zum Besseren zu wenden. Ich hab auch sehr krass Angst vor eigener Unzulänglichkeit oder Versagen. Aber nicht beruflich oder wirtschaftlich, sondern eher vor dem Moment, mir selbst nicht gerecht werden zu können. Außerdem hab ich riesigen Respekt davor, in Berlin Fahrrad zu fahren. Leute, die in Berlin Fahrrad fahren sind die eigentlichen Jackass-Stars dieser Welt. Allein im Taxi hatte ich schon zwei Leute auf der Haube. Ich selber habe leider kein Führerschein - ist übrigens das nächste Großprojekt. Und ich möchte mich der Zauberei widmen…

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