Eine Frau hält ihren Babybauch mit beiden Händen fest (Quelle: imago/Chromorange)
Bild: imago/Chromorange

- Hebammen-Mangel in Berlin

Vorm Kreißsaal stehengelassen

Eine seltsame Reisewarnung kursiert seit kurzem im Netz, sie kommt vom Elternverein Motherhood. Wer schwanger ist, soll in den Sommerferien bloß keinen Berlin-Trip planen. In Berlin werden nämlich die Hebammen knapp - in den Urlaubs-Monaten noch mehr als sonst.

Für Schwangere kann das bedeuten, dass Kreißsäle sie, obwohl sie in den Wehen liegen, abweisen oder an andere Kliniken weiterleiten müssen. Ziemlicher Stress, so kurz vor der Geburt. Der Senat sagt, es sei alles nur Panikmache und die großen Berliner Geburtskliniken meinen, die Versorgung sei gesichert. Es gibt aber Beispiele, die anderes zeigen.  

Zwischen vier Geburten

Sophie, 29, aus Schöneberg hat ihren Traumberuf gefunden: Hebamme. Aber der Job ist richtige Knochenarbeit. Oft muss sie viele Frauen gleichzeitig betreuen und hetzt teilweise zwischen vier Geburten hin und her. Das ist nicht nur anstrengend für Sophie, sondern auch für die Mütter, die sich in einer so stressigen Situation manchmal nicht gut betreut fühlen, sagt sie.

Keine Pause

Sophie macht kaum eine Pause, hat keine Zeit auf Toilette zu gehen, geschweige denn etwas zu essen oder zu trinken. Die meisten Hebammen arbeiten nur in Teilzeit, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist, erzählt sie. Das liegt wiederum an dem Hebammen-Mangel in den Kliniken - ein Teufelskreis.

Die eine Hälfte arbeitet Sophie in der Klinik, die andere macht sie freiberuflich. Ihr Terminkalender ist für das nächste halbe Jahr voll. Der Nachteil einer Freiberuflichkeit ist allerdings die Haftpflichtversicherung. Die kostet Sophie mittlerweile 800 Euro im Jahr, denn immer häufiger wird geklagt, wenn eine Geburt nicht ganz optimal verläuft.

Trotz der teilweise schlechten Arbeitsbedingungen und einer niedrigen Bezahlung macht Sophie ihren Job gerne. Sauer ist sie aber über die Politik - den Senat, der die Augen einfach vor dem Problem Hebammen-Not verschließt. 

Wegen Überfüllung geschlossen

Auch Christiane hat den Hebammen-Mangel am eigenen Leib erfahren: Vor der Geburt ihrer Tochter wurde sie nach ersten Bauchkrämpfen in der Klinik abgewiesen, wo die geplante Geburt stattfinden sollte. Als die Schmerzen schlimmer wurden, riefen sie einen Krankenwagen, der sie ins nächstgelegene Krankenhaus brachte.

Die ließen sie im wahrsten Sinne des Wortes vor der Tür stehen - zu voll. "Ich kann sie ins Klo schieben", hieß es da. Um eine andere Klinik zu suchen, hatte das Personal auch keine Zeit. Nach zahlreichen Anrufen hat Christianes Hebamme dann doch noch ein Krankenhaus gefunden, wo sie ihre Tochter zur Welt bringen konnte. 

Einzelfall oder Routine?

Wenige Wochen später schrieb Christiane einen Brief an den Arzt der Klinik, der sie abgewiesen hat. Das Feedback war positiv und doch hieß es, Christiane sei ein Einzelfall gewesen. Durch ihren Kontakt zu Motherhood weiß sie aber, dass solche Vorfälle keine Seltenheit sind.

Der Oberarzt der zuständigen Klinik hatte allerdings auch eingestanden, dass es solche Probleme schon häufiger gab - auch bei dem Kollegen, der für Christiane zuständig war. Danach habe es personelle Konsequenzen gegeben, aber zufrieden ist Christiane damit nicht. Denn die überfüllten Krankenhäuser sind ein grundsätzliches Problem im Gesundheitssystem, nicht die Ärzte selber.  

Oft kommt es zu Missverständnissen

Die Krankenhäuser sagen, dass die Einschätzung, ob etwas ein Notfall ist, weit auseinander gehen. Das würde dann häufig zu Missverständnissen führen, wodurch die Mütter denken, sie wären abgewiesen worden. Ein Notfall werde immer versorgt und auch immer von einem Arzt untersucht. 

Zum Hören

photocase.com

Hebamme Sophie: "Es macht körperlich und mental total kaputt, so zu arbeiten."

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Abgewiesene Mutter Christiane: "Der Oberarzt sollte gar nicht in die Situation kommen."

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3 Kommentare

  1. 3.

    wir machen uns ja gerne über Trump lustig und staunen, wie dumm die Amerikaner sind.
    Aber letztlich werden wir doch von unseren Politikern nur sprachlich niveauvoller verarscht.
    Das Ergebnis der Politik ist letztlich die gleiche
    Die privaten Hebammen werden durch die Politik kaputt gemacht und als nächstes sind dann die verbleibenden Krankenhäuser überlastet. Das wird dann sicher mit den Kosten begründet. Fazit wird sein, dass Kinder in D zu bekommen zu teuer ist. Bleibt der Import.

  2. 2.

    @Dorit: 8000 Euro Versicherung müssen nur jene Hebammen zahlen, die Geburten durchführen. Die meisten freiberuflichen Hebammen machen aber nur Vor- und Nachsorge, wodurch sich der Versicherungsbetrag drastisch verringert.

  3. 1.

    Über nur 800.-€ Haftpflichtprämie würden wir JUBELN!! Leider fehlt da eine Null, es sind 8000!.-€ in Worten: achttausend!!

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